Berichte von Studierenden mit Beeinträchtigung an der Universität Trier

Studieren mit psychischer Angststörung

"Wo genau bei mir alles anfing ist schwer zu sagen. Schon in der Grundschule, nach der Scheidung meiner Eltern, und auf dem Gymnasium hatte ich Probleme mit sozialen Bewertungssituationen. Ich war es gewohnt, dass mir schlecht vor Prüfungen ist und ich Angstzustände bekomme, allerdings war es damals noch nicht wirklich pathologisch.

An der Uni, im Bachelorstudium Psychologie, kehrten die Probleme ab dem dritten Semester, ohne ersichtlichen Grund, stärker zurück. Daher suchte ich eine Verhaltenstherapeutin auf und schon nach wenigen Sitzungen ging es mir deutlich besser. Auch Frau Prof. Dr. Preckel hat mir in dieser Zeit sehr viel weitergeholfen und auch den restlichen Professoren und Dozenten, die mich unterstützt haben, sei gedankt.

Durch ein privates Ereignis, das mich schwer getroffen hat, kehrte meine Angst zu Beginn des Masters stärker denn je zurück. Ich wollte einer guten Freundin bei ihrer Masterarbeit helfen, ein ganz normaler Versuch. Währenddessen hatte ich permanent heiße und kalter Schauer, mir wurde schlecht und mir verschwamm die Sicht vor Augen. Ich merkte, dass meine Probleme zurückgekehrt sind. Sie wirkten sich auch auf mein Umfeld daheim aus

Dank meines Neurologen und meiner Therapeutin konnte ich mich an die Uni zurückkämpfen, doch es war nicht mehr wie zuvor. Referate zu halten war unmöglich und auch der normale Unialltag, der zuvor selbstverständlich war, verlangte mir schon vieles ab. Mein Antrag auf Nachteilsausgleich wurde weitestgehend abgelehnt und auch wenn ich die Gründe größtenteils verstehen konnte, hätte ich mir natürlich ein anderes Ergebnis erwünscht.

Hier möchte ich ansetzen mit Sachen, die mir im Studium geholfen haben und Dingen, die ich mir noch zusätzlich gewünscht hätte.

Ich bin den Dozenten in meinem Fachbereich Psychologie sehr dankbar. Viele haben sehr verständnisvoll auf meine Situation reagiert und ohne deren Hilfe wäre vermutlich nicht einmal der Abschluss meines Bachelors möglich gewesen. Ich kann daher nur jeden ermutigen, zuerst das Gespräch mit den Dozenten zu suchen. Auch ein Gespräch mit der Studienberatung ist sehr zu empfehlen. Das hilft dabei, die eigene Lage an der Uni klarer zu sehen und besser bewerten zu können.

Allerdings muss ich auch die traurige Wahrheit des Alltags ansprechen. Trotz vieler hilfsbereiter Menschen und Freunde, wird man häufiger an der Uni in einer Situation sein, in der man sich allein gelassen fühlt. Mein Alltag bestand oft daraus, schon deutlich vor Beginn eines Seminars zur Uni zu fahren und dort draußen spazieren zu gehen, um die Angst runter zu regulieren. Das ging so weit, dass ich vor schriftlichen Klausuren teilweise mehr als eine Stunde vor Beginn oben war und wild auf und ab spaziert bin. Während Prüfungen hat mich meine Angst die meiste Zeit in Ruhe gelassen, außer Richtung Ende des Bachelors. Ich erinnere mich noch genau an die Prüfung klinische Psychologie. Ich bin um 4 Uhr morgens aufgewacht, musste mich mehrmals übergeben und hatte massive Angstzustände. Es war ohne einfach ersichtlichen Grund deutlich schlimmer als sonst. Ich hatte um 10 Uhr die Klausur und war zu dem Zeitpunkt bereits sechs Stunden wach und konnte vorher weder was essen noch was trinken. Ich wollte schon gerade umkehren und zum Arzt gehen, als mich ein guter Freund mehr oder weniger mit in den Prüfungsraum gezogen hat. Nun wenn es damit getan gewesen wäre, hätte ich gesagt ok, das war es vermutlich wert. Doch die erste halbe bis dreiviertel Stunde der Prüfung, konnte man mich kaum als einen konkurrenzfähigen Prüfling beschreiben. Es war eine Multiple Choice Klausur, von daher ging es noch, doch ich sah die Zeit über den Bildschirm nur verschwommen. Ich habe die Items kaum vollständig wahrgenommen und bin mehrmals gedanklich weggedriftet. Das war das erste Mal, dass ich Angst hatte, während einer Prüfung in Ohnmacht zu fallen. Nach 45 Minuten sah ich langsam wieder klar und konnte die Prüfung in der Zeit zu Ende bringen. Erst dann fiel mir auf, wie viele Flüchtigkeitsfehler ich in der Zeit zuvor gemacht habe. Viel mehr als gewöhnlich. Ohne dass irgendjemand etwas dafür konnte, habe ich also nahezu 45 Minuten weniger zur „konkurrenzfähigen“ Bearbeitung der Aufgaben gehabt als alle anderen. Bei zeitlich noch engeren Prüfungen hätte ich somit gleich abgeben können und den Fehlversuch hinnehmen müssen oder auf die Güte der Verantwortlichen hoffen.

Eine ähnliche physiologische Reaktion zeigt sich mittlerweile vor Referaten. Und bitte nicht falsch verstehen, seit der Oberstufe habe ich sehr gerne Referate gehalten und mich auch wohlgefühlt vor anderen zu sprechen. Es ist nicht so, als habe ich diese Fähigkeit nie besessen. Auch am Anfang des Studiums war es mir möglich. Ich habe sie nur irgendwo unterwegs verloren.

An dieser Stelle sei auch erwähnt, dass jeder Angst vor Prüfungen oder Referaten hat. Vielen wird schlecht, viele zeigen ähnliche Reaktionen wie Angstpatienten. Der Unterschied ist nur, dass Angstpatienten diese (oft) in fast allen Lebensbereichen zeigen und dass die physiologische Reaktion nochmal eine Spur stärker ist. Es ist normal, Angst zu haben, einen schnellen Herzschlag zu bekommen, ja auch heiße und kalter Schauer. Einem kann auch mal leicht im Kopf und schlecht im Bauch werden und manchmal gehen die Symptome auch während der Prüfung nicht weg. Nicht normal hingegen ist es, sechs Stunden vor einer Prüfung, die um 10 Uhr stattfindet aufzuwachen und diese Reaktionen in deutlich erhöhtem Maße bis zum Beginn der Prüfung zu zeigen. Man wirtschaftet dann seinen Körper schon so runter, dass dieser kaum mehr in einer prüfungsfähigen Verfassung ist.

Was würde ich mir also wünschen? Nun mir wäre schon geholfen, wenn Prüfungen in kleineren Gruppen stattfinden würden. Ich muss nicht allein schreiben, mir würde es schon reichen, wenn alle Angstpatienten und Leute mit ähnlichen Problemen, als kleinere Gruppe in einem gesonderten Raum Klausuren schreiben würden. Das Halten von Referaten gilt in der Psychologie als Kernkompetenz. Das habe ich auch verstanden. Ein Psychologe, der nicht mit bzw. vor Menschen reden kann, kann auch niemandem helfen. Doch für mich ist es wichtig, an dieser Stelle zu differenzieren. Wenn es mein Problem ist, frei vor Menschen zu sprechen, wieso schaffe ich es dann, Nachhilfe zu geben? Wenn das mein Problem ist, wie ist es dann möglich, dass ich es in einer normalen Seminarsitzung schaffen konnte, mir in der Gruppe etwas zu erarbeiten und das als Gruppe vorne vorzustellen. Aber auch hier sei noch einmal erwähnt, dass ein Gespräch mit Dozenten dieses Problem zumindest abmildern und manchmal sogar gänzlich lösen kann (z.B. durch auf die jeweilige Person zugeschnittene Referatsbedingungen). Diese Hoffnung möchte ich jedem mit auf den Weg geben. Es ist wichtig, sich die eigenen Probleme einzugestehen und so früh wie möglich gemeinsam mit der Universität an Lösungen zu arbeiten. Ich hoffe nur, dass auch andere Studenten diesen Problemen im Alltag etwas mehr Aufmerksamkeit schenken, denn diese Probleme werden in unserer Gesellschaft in Zukunft nicht weniger, sondern deutlich mehr."

Anonym

 

Studieren mit Morbus Crohn

"Ich habe mein Studium an der Uni Trier im WS 2014/15 begonnen. In meinem zweiten Semester bekam ich starke Bauchschmerzen. Zu diesen Bauchschmerzen kamen schnell weitere Symptome hinzu, wie zum Beispiel vermehrte Toilettengänge bis zu 10-mal am Tag (an guten Tagen), dauerhafter Durchfall, starke Erschöpfung (selbst wenige Meter zu gehen waren für mich schon eine extreme Belastung), und mit der Zeit sehr starker Gewichtsverlust (fast 12 Kilo in 3 Wochen). Insbesondere dieses Semester war in Bezug auf die Uni eine große Herausforderung, da ich mich nicht auf meine Seminare und Klausuren fokussieren konnte. Da ich noch keine Diagnose hatte und generell auch nicht wusste, was ich habe, schrieb noch mit Mühe und Not meine Klausuren.

Als ich dann nach einiger Zeit in den Semesterferien meine Diagnose Morbus Crohn erhielt und direkt mit einer Kortisontherapie begann, ging es mir schnell wieder besser. Mein Bauch gab endlich Ruhe, und ich konnte wieder richtig essen. Ich habe dann einige Zeit das Kortison genommen und anschließend wurde bei mir eine  Therapie mit Immunsuppressiva begonnen. In dieser Zeit ging es mir gesundheitlich sehr gut, weswegen ich mich wieder voll und ganz auf Freunde und Uni konzentrieren konnte. Ich konnte dann sogar ein Erasmus-Semester in England beginnen. Jedoch ist Morbus Crohn eine Erkrankung bei der schnell stressbedingte Schübe (akute Phase, in der die Symptome durch die Entzündung im Darm besonders stark sind) auftreten können.

Als ich aus England zurückkam, waren die nächsten 6 Monate sehr anstrengend. In dieser Zeit konnte ich kaum an Veranstaltungen teilnehmen und traute mich auch nicht, mit meinen Dozenten zu reden. Ich musste im Februar dann operiert werden. In dieser Zeit sollten eigentlich meine Klausuren stattfinden, jedoch durfte ich diese auch nicht in der Nachklausur schreiben, da meine Dozentin meinte, ich hätte zu viel Stoff verpasst.

Die meiste Zeit meines Studiums habe ich mir eingeredet, dass meine Erkrankung keinerlei Einfluss auf das Studium hat, was im Nachhinein falsch ist. Es kann extrem belastend sein und man muss lernen, sich selber einzugestehen, dass man nicht immer alles so schnell machen kann wie andere Studierende. Wichtig ist es auch, mit seinen Dozenten zu reden und hoffentlich von diesen Verständnis für verlängerte Fristen oder vorzeitiges Austreten von Veranstaltungen, zu bekommen. In diesem Fall macht es natürlich auch immer Sinn, sich mit dem Thema Nachteilsausgleich zu beschäftigen.  Wichtig ist es auch, dass insbesondere Studierende nicht voreilig irgendwelche Schlüsse ziehen, insbesondere in Bezug auf die Arbeitsmoral. Insgesamt muss ich aber sagen, dass ich an der Universität Trier in Bezug auf meine Erkrankung kaum negative Erfahrungen machen musste und man mit den meisten Dozierenden an der Uni über Probleme und Ängste reden kann."

Nora

Studieren mit einer Gehbehinderung

"Ich studiere Philosophie, Politikwissenschaft und Geschichte und sitze seit meiner Geburt aufgrund einer Spastik im Rollstuhl. Rechtlich gesehen bin ich „schwerbehindert“. Diese Bezeichnung teile ich mir mit vielen Anderen, zum Beispiel mit Gehörlosen oder psychisch erkrankten Studierenden. Im Gegensatz zu diesen ist meine Behinderung für jedermann auf den ersten Blick sichtbar. Die Einschränkungen, die eine solche Behinderung mit sich bringt, können jedoch weit vielfältiger sein als man zunächst denken mag. Eine offensichtliche Einschränkung ist beispielsweise, dass ich die Bibliothek trotz der Aufzüge nur begrenzt nutzen kann, da einige Zwischenetagen für mich nicht erreichbar sind, denn im Gegensatz zu vielen anderen Universitätsbibliotheken bietet die UB Trier keinen Service an, der diese in jeder Stadt vorhanden Probleme für behinderte Menschen beseitigt. Weniger offensichtlich aber ist zum Beispiel der Umstand, dass die Plätze für Rollstuhlfahrer in den Hörsälen nur in der letzten Reihe sind, was dazu führen kann, dass man in der letzten Reihe viele Dinge, die sonst ohne Probleme verstanden werden könnten, nicht verstehen kann, da dass, was im Rest des Hörsaals laut ankommt, für die hintere Reihe doch oft sehr leise ist. Für mich als jemand, der hauptsächlich durch Zuhören lernt, sich aber keinen besseren Platz suchen kann, ist das eine äußerst unbefriedigende Situation.

Neben solchen eher technischen bzw. infrastrukturellen Schwierigkeiten gibt es oft noch zusätzliche, versteckte Probleme. Ich persönlich kann zum Beispiel durch die Spastik nicht schnell und auch nicht über lange Zeit von Hand schreiben. Für den uneingeweihten Laien ist dieses Problem nicht erkennbar, da meine Hände weder dauerhaft angespannt sind noch in irgendeiner anderen Art und Weise außergewöhnlich sind. Dadurch schreibe ich auch Klausuren auf einem Laptop, um dadurch keine Schmerzen mehr zu haben. Schneller werde ich dadurch allerdings nicht, weshalb bei Klausuren auch noch eine Zeitverlängerung um 50% nötig ist. Aber natürlich zeigt sich das nicht nur während Prüfungen, sondern auch während einer normalen Vorlesung, weshalb ich es immer sehr begrüße, wenn die Folien vorab hochgeladen werden, sodass ich eventuell während des Mitschreibens einzelne Teile in meine Notizen kopieren kann.

Letztlich kann also das, was zunächst als offensichtlicher und sehr großer Nachteil angesehen wird, zumindest bei dieser Art von Behinderungen oft mit verhältnismäßig einfachen, strukturellen Maßnahmen ausgeglichen werden. Dadurch kann wesentlich zum Erfolg eines Studiums beigetragen werden."

Timon

Studieren mir einer Hörbehinderung

"Ich studiere an der Uni Trier den Master Demokratische Politik und Kommunikation. Ich bin von Geburt an hochgradig schwerhörig, mittlerweile bereits an Taubheit grenzend schwerhörig. Um diesen Hörverlust auszugleichen trage ich auf einem Ohr ein Hörgerät und auf dem anderen Ohr seit zwei Jahren eine operativ eingesetzte Innenohrprothese – ein sogenanntes Cochlea Implantat. Ohne Hörgerät oder angelegtes CI (das CI besteht aus zwei Teilen: einem inneren Teil, der im Innenohr liegt und einem äußeren Teil, der ähnlich aussieht wie ein Hörgerät und den ich jederzeit abnehmen kann) höre ich rein gar nichts. Ich würde noch nicht einmal den Verkehr hören, wenn ich an einer vielbefahrenen Straße stehe, geschweige denn Unterhaltungen folgen können – selbst dann nicht, wenn der/die Gesprächspartner:in extra laut spricht. Mein Hörgerät und das CI sind für mich also die Basis jeglicher Kommunikation. Doch auch mit den Hörhilfen kann ich nicht alles immer hören und verstehen. In Gesprächen bin ich auf das Mundbild sowie Gestik und Mimik des Gegenübers angewiesen. Außerdem gibt es einen Unterschied zwischen Hören und Verstehen. Oft ist es so, dass ich schon höre, dass gesprochen wird und jemand etwas gesagt hat, aber es dann auch zu verstehen ist etwas Anderes. Vergleichbar ist das für guthörende Menschen etwa mit einer Fremdsprache: Man hört, dass gesprochen wird, versteht jedoch die einzelnen Wörter nicht oder kann den Sinn der Wörter nicht entziffern. Hören erfolgt bei mir also nicht nebenbei, sondern ich muss mich immer aktiv darauf konzentrieren und so den ganzen Tag über ein gewisses Konzentrationslevel aufrecht halten.

Wenn ich dann einen Uni-Tag mit mehreren Seminaren und Vorlesungen hintereinander habe und dazwischen dann noch mit meinen Freunden in der Mensa essen gehe, bin ich abends oft erschöpft und ausgelaugt. Ein wenig abfedern kann ich diese Anstrengung, indem ich in Seminaren und Vorlesung eine sogenannte FM-Anlage benutze. Dabei trägt der/die Hauptsprecher:in (d.h. der/die Dozierende oder jemand, der ein Referat hält) ein kleines Mikrofon um den Hals, welches das Gesprochene direkt auf mein Hörgerät und CI überträgt. Für weitere Sprecherinnen und Sprecher habe ich kleine Handmikrofone, die dann im Seminar während Diskussionen oder für einzelne Wortbeiträge herumgereicht werden. Für die Nutzung dieser Mikrofone bin ich darauf angewiesen, dass meine Dozierenden und Professor:innen einverstanden sind, das Mikro zu tragen. Meine Kommilitonen müssen ebenfalls darauf achten, beim Sprechen ein Mikrofon zu benutzen. Glücklicherweise habe ich an der Uni Trier bisher selbst keine Probleme gehabt und bin überall auf Verständnis und große Bereitschaft gestoßen, es zumindest einmal auszuprobieren. Aus dem „wir probieren es mal aus“ wurde dann in allen Fällen ein „das behalten wir so bei“. Dies ist jedoch absolut nicht selbstverständlich. Darum würde ich mir wünschen, dass Dozierende allgemein mehr für mögliche Belange von Studierenden mit einer Beeinträchtigung sensibilisiert werden. Oft ist es etwa kein großer Aufwand für den/die Dozierenden, aber eine enorme Erleichterung für hörgeschädigte Studierende, wenn Präsentationsfolien aus den Vorlesungen später online zur Verfügung gestellt werden. Denn selbst mit diesen Mikrofonen muss ich mich noch stark konzentrieren und oft auf die Lippen des Sprechers/der Sprecherin schauen, um alles mitzubekommen. Darum kann ich zum Beispiel auch nicht so viel mitschreiben, wie meine guthörenden Kommilitonen. Um den Stoff, den ich in der Vorlesung oder im Seminar nicht mitbekommen habe, nachzuarbeiten ist es hilfreich, wenn die Folien der Vorlesung später online zur Verfügung gestellt werden. Leider ist noch nicht jede/r Dozierende dazu bereit.

Was an der Uni sicherlich ebenfalls noch verbessert werden könnte ist die Akustik einiger Räumlichkeiten (im P-Gebäude z. B. sind die Räume etwas hallig) und natürlich die der Mensa. Hinzu kommt, dass es super wäre, wenn es in den großen Hörsälen und im Audimax Induktionsschleifen im Boden gäbe. Diese würden es allen hörgeschädigten Studierenden ermöglichen, dass sie sich ohne zusätzliches (selbst mitgebrachtes) Mikrofon über ein Programm in ihrem Hörgerät/CI mit der Schleife verbinden könnten und so verstehen könnten, was der/die Dozierende über das Mikrofon spricht, das für alle Studierenden überträgt. Eine solche Schleife liegt in vielen öffentlichen Gebäuden und ist von allen Hörgeschädigten gleichermaßen nutzbar, das Modell des Hörgerätes z.B. ist völlig egal.

Insgesamt fühle ich mich an der Uni Trier jedoch sehr wohl und studiere gerne hier."

Annalea

Studieren mit ADS

"Ich studiere im Master Psychologie an der Uni Trier. Während meines Bachelors (vor ca. fünf Jahren) wurde bei mir eine Aufmerksamkeitsdefizitstörung (ADS) festgestellt. Die damit einhergehenden Probleme begleiten mich jedoch nicht erst seit meiner offiziell gestellten Diagnose. Ich habe meine Grenzen allerdings insbesondere zu Beginn meines Studiums und dem damit einhergehenden Start eines viel mehr von eigener Struktur, Organisation und Motivation abhängigen Lernumfeldes gespürt.

Mir ist es besonders wichtig, in diesem Bericht nicht nur deutlich zu machen, an welche Grenzen ich unterwegs gestoßen bin und welche Barrieren sich mir auf meinem Weg aufgetan haben, sondern auch wie und DASS ich diese überwinden konnte.

Mein ADS war und ist im Studium mit den folgenden Schwierigkeiten verbunden:
Kennzeichnend für meine Behinderung ist eine fehlende Ausdauer bei mental fordernden Aufgaben. Oft geht damit auch einher, dass man zwischen verschiedenen Aufgaben hin und her springt und keine davon wirklich beendet, bevor man mit der Nächsten anfängt. Ich fühle mich ständig von zahlreichen, mich umgebenden Reizen angezogen und abgelenkt - ganz so, als würde ein Filter für das aktuell Relevante fehlen. Für mich selbst und auch für Außenstehende kommt so leicht eine Unruhe auf und ich fühle mich zusätzlich oft von dem vielen Input überflutet und gestresst. Das Ganze endet in einem Teufelskreis, da Konzentration dann erst recht nicht mehr möglich ist.

Für mein Studium bedeutete und bedeutet dies, dass es mir schwer fällt, mich auf das Wesentliche bei Lerninhalten zu konzentrieren. Ich brauche oft länger, um einen Artikel zu lesen, Aufgaben zu bearbeiten, Dinge auswendig zu lernen oder wissenschaftliche Arbeiten zu schreiben.

Zusätzlich fällt es mir schwer, den Tag zu strukturieren und das Tagespensum einzuhalten, ohnehin schon im Allgemeinen, aber vor allem dann, wenn mein Privatleben und meine Arbeit mich mal stärker fordern. Häufig wird dann der Berg an Aufgaben so groß, dass gar nichts mehr geht: Dann bin ich viel krank, mache ungesunde nächtliche Lerneinheiten, setze mich massivem Stress aus, muss Klausuren verschieben und darum betteln, dass Abgabefristen verlängert werden. Unter anderem hat sich dies auch darauf ausgewirkt, dass ich mein erstes Studium verlängern musste.

Starke Auswirkungen hat mein ADS auch auf Prüfungssituationen an sich, im Spezifischen beim Ablegen von Klausuren im Raum mit mehreren hunderten von anderen StudentInnen. Dann ist die Ablenkung so groß, dass ich mit der Zeit oft nicht hinkomme und der Unvollständigkeit halber gar nicht zeigen kann, was ich wirklich kann.
Es gibt an einigen Universitäten in Deutschland die Möglichkeit, einen Nachteilsausgleich zu bekommen. Dies ist eine riesen große Entlastung: Man hat dadurch die Chance, Abgabefristen zu verlängern, für Klausuren einen Extraraum und/oder mehr Zeit zu bekommen sowie Prüfungstermine flexibler zu gestalten. Somit können Überschneidungen und parallele Lernphasen vermieden werden. Leider bietet mein Studiengang diesen Nachteilsausgleich nicht für Studierende mit ADS.

Geholfen hat mir stattdessen zum einen eine Erlernte Gelassenheit von innen. Es gab im Verlauf meines Studiums viele Höhen und Tiefen, Zeiten, in denen mir die Arbeit mühelos von der Hand ging, aber auch Zeiten in denen ich mit der Situation so überfordert war, dass ich daran gezweifelt habe, meinen Abschluss überhaupt zu schaffen. Um von dem einen in den anderen Modus umzuschalten, war immer eine innere Ruhe das Stichwort. Nur so konnte der zuvor beschriebene Teufelskreis durchbrochen werden. Lief ein Tag mal schlecht und Konzentration war nicht in Ansätzen möglich, dann musste ich mich neu sortieren, den vergangenen Tag akzeptieren und am nächsten Tag mit neuer Motivation und Gelassenheit an die Situation herangehen. Das hat oft sehr geholfen und das Arbeiten hat dann auch meist wieder geklappt.

Zum anderen war für mich insbesondere Struktur von außen ein großer Hilfsfaktor. Es gab glücklicherweise einige verständnisvolle DozentInnen, die auf meine spezielle Situation eingegangen sind und daher öfter auch mal eine Erinnerung geschickt oder eine Besprechung mehr für mich eingeräumt haben. Ich möchte jedem hier Mut machen, sich zu trauen, darum zu bitten! Außerdem haben mich meine Familie und meine Freunde sehr unterstützt, zum Beispiel durch motivierende Anrufe, bestärkende Worte oder viele, viele gemeinsame Lern- und Arbeitseinheiten, in denen ich mit einer klaren zeitlichen Struktur viele effiziente Stunden durchgearbeitet habe. Zusätzliche Hilfe zur Strukturierung bieten mir Apps und Programme (z.B. Pomodoro-Zeitmanagement).

Meine wichtigsten Lektionen in der Zeit meines Bachelors, aber auch in den ersten Semestern des Masters waren, mich und meine Behinderung zu akzeptieren und wohlwollend mit mir zu sein, auch wenn es mal einen Tag nicht so gut lief. Außerdem habe ich gelernt, mich nicht mit anderen zu vergleichen – dies sollte man im Allgemeinen möglichst vermeiden, denn jeder Mensch ist unterschiedlich und jeder hat andere Stärken und Schwächen. Eine weitere Herausforderung für mich war es, um Hilfe zu bitten und Hilfe anzunehmen. Was auch bedeutet, sich seine Schwierigkeiten einzugestehen und diese offen zu kommunizieren, ein großer Schritt meiner persönlichen Entwicklung.

Zuletzt möchte ich noch auf meine größten (ADS-)Stärken eingehen, denn es gibt bei Weitem nicht nur Negatives. Die Sonnenseite davon, sich oft nicht auf das Wesentliche beschränken zu können, liegt darin, dass ich mich sehr umfassend mit Themen beschäftige. Dadurch, dass mich viele Reize ablenken, entdecke ich auch viele Dinge, die anderen vielleicht eher mal entgehen. Diese Fähigkeit ist sehr praktisch auf einer Safari, aber auch in einem Dschungel voller Literatur. Auf diese Weise kann ich ganz andere Gedankengänge und Sichtweisen miteinbringen. Ich habe viele Ideen und kann mich für zahlreiche Themen begeistern und leidenschaftlich einsetzen. Davon können wiederum auch andere profitieren und ich stecke sie im besten Fall noch mit meiner wibbeligen und fröhlichen Art an. Nicht zu vernachlässigen ist auch die Willensstärke, die ich dazu gewonnen habe, weil auf meinem Weg mit dem ADS nicht alles ganz leicht und geradlinig war. Ich habe gelernt, dass man viel erreichen kann, wenn man sich nur traut und es wirklich will. Dabei wächst man auch über so manche (vermeintlichen) Grenzen hinaus und hat die Chance, sich selbst besser kennenzulernen."

Christine